Gestaltung in der Natur am Beispiel des Granit
Von jeher ziehen die Berge den Menschen an. Dabei ziehen unterschiedliche Gebirgsregionen wie Dolomiten oder Bergell individuell unterschiedliche Bergsteiger an.
Eine Möglichkeit, dieser Anziehung näher zu kommen ist es, einerseits Bergformen und Gebirge und andererseits die zugehörigen Gesteine näher zu betrachten und vor Ort zu erleben.
Betrachtet man den Granit und damit das Kieselige, das Siliziumreiche, kann man auf seinen Touren mit einiger Beschäftigung etwas in der Art erleben, dass dieses gewaltig große, formklare Gebirge den Besucher auf Distanz hält, ihn nicht so recht heranlässt. Das Granitgebirge empfängt den Besucher nicht gerade aufnehmend, sondern er erlebt deutlich den Berg als distanziertes Gegenüber.
Weiterhin ist eine Art Entrücktheit aus dem täglichen Leben erlebbar. Das Eingebundensein im Alltag mit all seinen Aspekten tritt in den Hintergrund, und der Besucher erlebt sich wie in einer dem Alltag fernen, sehr anziehenden, interessanten, wie eigenen Welt. Das Sich-Entrückt-Fühlen kann auch etwas Unheimliches heranführen – die beiden Erlebensweisen sind wie zwei Seiten einer Medaille.
Mit solchen Empfindungen kommt man dem Siliziumreichtum des Granitgesteins auf die Spur. Die gestaltende Kraft, so könnte man diese Wirkung benennen, geht vom stark kieselhaltigen, silikatischen Gestein aus.
Heinz Grill* beschreibt das Erleben zum Granit unter anderem in den nachfolgenden Gedanken:
…Der Granit bringt für das Empfinden ein sehr spezifisches Erleben, das man bezeichnen kann als ein peripheres Erleben oder durchaus auch als ein Erleben der Konturformen. Wer die Granitberge betrachtet, bemerkt, dass sie weniger rund, sondern mehr in klaren Formen, grazilen Kantenaufschwüngen und Flanken gebildet sind. Der Granit lässt die Seele nicht nach innen gleiten, sondern führt sie mehr zum exakten Wahrnehmen der Form und Struktur. … Der Granit fördert eher das Erleben einer bewussten Distanz. Er bringt die Seele auch mehr in eine Weite und in eine Ahnung des zeitlichen Lebens. …*
Granitberge fallen durch klare, teils geometrische Formen auf
Blickt man auf einen Granitberg, fällt die Klarheit der Form auf.
Hier sind durch die Schattenlinien im Morgenlicht deutlich die Nordkante und die besonnte NO-Flanke zu sehen (Photo: Piz Badile, Bergell).
Die klaren Kanten und Flanken können bei Granitbergen sogar in pyramidalen Berggestalten in Erscheinung treten (Photo: Mt.Blanc-Massiv).
Kleinste Siliziumverbindung im Granit – der Tetraeder
Eine klassische Form in der Mathematik ist außer der Pyramide z.B. der Tetraeder. Ein Tetraeder zeichnet sich durch vier gleiche Dreiecksseiten aus. Er zeigt auch als Bauelement mechanische Stabilität und Einfachheit.
Der Bau der Silikatmineralien geht auf die Formkraft des Elements Silizium zurück, das sich in einfachster Form zu SiO2 , Siliziumdioxid verbindet. Wir werden verfolgen, wie sich diese Formkraft sowohl in den kleinsten Strukturen bis hin in der Großform des Berges ausdrückt.
Silizium ist von der Masse her nach Sauerstoff das zweithäufigste Element in der äußersten Schicht der Erde, der Erdkruste. Nach dem Massenanteil sind die Silikate die häufigsten Mineralien in der Erdkruste. Ein Mineral stellt eine chemische Verbindung verschiedener Atome dar, die bei den Silikaten in einer Kristallstruktur angeordnet sind.
Klare Form in der Chemie des Silikats
Chemisch gesehen ist der Grundbaustein aller Silikat-Mineralien der SiO4 – Tetraeder; vierfach negativ geladen (als Salz der Ortho-Kieselsäure, Si(OH)4 ). Hier zeigt sich bereits im kleinen die Formkraft in der Kristallstruktur.
Denkt man sich Verbindungslinien entlang der Sauerstoff-Atome, entsteht die kantige Form mit ihren Flanken deutlich.
Die einzelnen Silikat-Tetraeder können sich an den Ecken über Sauerstoff (O) miteinander verknüpfen.
Durch dieses Bildegesetz können sich die Tetraeder zu beliebig langen Ketten, Bändern und Flächen vernetzen. Dabei entstehen aus den Tetraedern klare „Raster“ in Sechseckformen.
Die Vernetzung in drei Richtungen lässt Quarz und andere Mineralien mit der gleichen Formel, SiO2 entstehen. Damit setzt sich die Sechseck-Struktur in den Raum fort.
Klare Form in kleinen und großen Granitgesteinen
Der Quarz (Siliziumdioxid, SiO2) kann perfekt zum Bergkristall auskristallisieren, wenn die physikalischen Bedingungen stimmen und ihm Raum zur Verfügung steht. Durch die hier im Bild spiegelnden Flächen ist das Geometrische, sind Kanten und Flanken gut erkennbar.
Im Granitgestein sind drei Mineralien mit unterschiedlich hohem Siliziumanteil vermengt. Einzelne Körner aus Glimmer, Feldspat und Quarz bilden ein inhomogenes, aber festes Gefüge. Dennoch wiederholen die Bruchformen eines Gesteinsstücks, wenn sie natürlich brechen, Flanken und Kantenstrukturen (Photo: Tonalit aus dem Adamello/Trentin).
Im Gebirge sieht sich der Besucher diesen Formelementen in allen Größenvariationen gegenüber. Wie fühlt sich der Betrachter vor dieser Kante stehend? Als Empfindungsübung kann mit den Händen dieser spitze Winkel nachgeformt werden. Wie empfindet man diese Geste? (Photo: Gneis im Gran Paradiso-Massiv)
Bei diesem rund 3 m hohen, natürlich gebrochenen Felsblock läuft eine Kante auf den Betrachter zu, die anderen beiden Kanten konturieren die Form (Photo: Oberalpstock, Glarner Alpen)
Der interessierte Naturbesucher – die entstandene Verbindung
In diesem Artikel stand das Erleben der Formkraft der silikatreichen Mineralien, Gesteinsstücke und Bergstrukturen im Mittelpunkt. Hat man diese in kleinen Strukturen bis hin zu großen Bergformen hier gesehen, wird eine Tour im Granitgebirge noch einmal eindrucksvoller. Durch diese Art der Auseinandersetzung kann eine tiefere, eine fülligere Verbindung entstehen.
Für den interessierten Leser können sich nächste Fragen ergeben wie: An der Natur „arbeiten“ Gestaltungskräfte sozusagen „wie von selbst“. Ist nicht der Mensch selber formend durch sein Bewusstsein tätig – durch Gedanken (-gänge), Gefühle und Handlungen?
Vergegenwärtigen wir uns abschließend den Ausgangsgedanken:
…Der Granit bringt für das Empfinden ein sehr spezifisches Erleben, das man bezeichnen kann als ein peripheres Erleben oder durchaus auch als ein Erleben der Konturformen. Wer die Granitberge betrachtet, bemerkt, dass sie weniger rund, sondern mehr in klaren Formen, grazilen Kantenaufschwüngen und Flanken gebildet sind. Der Granit lässt die Seele nicht nach innen gleiten, sondern führt sie mehr zum exakten Wahrnehmen der Form und Struktur. … Der Granit fördert eher das Erleben einer bewussten Distanz. Er bringt die Seele auch mehr in eine Weite und in eine Ahnung des zeitlichen Lebens. …* Heinz Grill
Anhang:
Quelle Zitat: Heinz Grill in Ein Neuer Yogawille (Kapitel: Der Kalk- und der Kieselsäureprozess im Menschen)
*Heinz Grill ist Geistforscher, Alpinist und Erstbegeher von weit mehr als 150 Klettertouren, Heilpraktiker, Yogalehrer, Autor und Referent. Er hat über seine geisteswissenschaftlichen Forschungen zahlreiche Bücher und Broschüren veröffentlicht zu Themen wie z.B. Pädagogik, Medizin, Ernährung, Natur und Alpinismus, Architektur, Religion, Ton und Musik, Kosmologie, Technik, Zeitgeschehen. Der zentrale Schaffensort liegt nordwestlich vom Gardasee, Italien.
Photos Archiv Bernd Klane und Ursula Klane
Quelle der Grafiken (außer Tetraeder): Dickerson, Geis: Chemie – Eine lebendige und anschauliche Einführung, VCH Weinheim
Ursula Klane August 2025